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WINDHOEK / KAPSTADT
Rotary-Team aus Afrika lernt die Arbeitswelt in Hessen kennen

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Nachrichtenbild Vier  junge Berufstätige aus dem Südwesten Afrikas treffen am 24. Mai in Hessen ein, um während der kommenden Wochen Land und Leute, die Kultur und vor allem die Arbeitswelt kennen zu lernen.
Die junge  Ergotherapeutin, Elektroingenieurin, Universitätsdozentin und ein junger Journalist nehmen am GSE-Programm der hessischen Rotary Clubs im Distrikt 1820 teil. GSE steht für Group Study Exchange. Zum Distrikt 1820 gehört Hessen von Bad Karlshafen im Norden bis zur Mainlinie im Süden. Partnerregion im diesjährigen GSE-Programm ist der Distrikt 9350. Zu diesem gehören Angola, Namibia und das westliche  Südafrika.





Die Gäste aus dem Südwesten Afrikas werden von den vier Rotary Clubs in Wiesbaden (RC Wiesbaden, WI-Kochbrunnen, WI-Rheingau, WI-Nassau), den Clubs Bad Homburg und Bad Homburg-Schloss, sowie den Clubs Hanau und Hanau-Maintal, Baunatal, Kaufungen-Lossetal und Rotenburg-Melsungen aufgenommen und bis zur Abreise am 21. Juni betreut. Die Gäste aus Afrika wohnen privat bei den Familien der jeweils gastgebenden Rotary Clubs.
Die Gäste aus Afrika werden in Hessen Station in Wiesbaden, Bad Homburg, Hanau, in der Region Kassel mit Baunatal und Kaufungen sowie Rotenburg Melsungen machen.

Die Mitglieder des Teams machen sich in Deutschland mit der Arbeitswelt in ihren Berufen vertraut, um Wissen weiterzugeben, aber auch, um mit neuen Kenntnissen nach Hause zurück zu kehren. Vor allem aber leisten sie einen Beitrag zur Völkerverständigung. „Sie stellten sich damit auf vielfältige Weise in den Dienst von Rotary International, das mit den GSE-Projekten internationales Engagement, den Berufsdienst und das Knüpfen von Freundschaften unter Menschen aus allen Kontinenten fördert“, sagt Dr. Jörg Goll, Beauftragter für das GSE-Programm im Distrikt 1820.

Das hessische GSE-Team hatte schon vom 11. April bis zum 11. Mai dieses Jahres den Südwesten Afrikas in gleicher Mission bereist. Die beiden Ärzte, die Ergotherapeutin, der Logistiker und die Kommunikationsberaterin waren begeistert ob der Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen im Südwesten Afrikas, waren aber auch beeindruckt vom unternehmerischen Mut der Menschen und ihrer Souveränität im Umgang mit den Unzulänglichkeiten des Alltags, mit Krankheit und der eigenen Armut. Das Team aus Hessen erkannte noch deutlicher als bisher schon, dass Bildung für die Menschen der Schlüssel für den Weg zum Erfolg sei.

Die fünf jungen Erwachsenen aus Hessen wurden während ihrer Afrika-Reise von fünf hessischen Clubs „gesponsert“. Sie sind selbst keine Rotarier, aber Rotary will insbesondere talentierten und engagierten Nicht-Mitgliedern, die in der Gesellschaft Verantwortung  zu übernehmen bereit sind, neue Chancen eröffnen. Bedingung für die Teilnahme ist, dass die jungen Leute schon zwei bis drei Jahre in ihrem Beruf arbeiten und dass die Bildungsreise vom jeweiligen Arbeitgeber ideell und durch die Gewährung von Urlaub oder die Freistellung vom Beruf  unterstützt wird.

Aus Afrika kehrten zurück:
•    Monika Beckmann (Kommunikationsberaterin) – RC Bad Homburg-Schloss
•    Dr. Turan Bicak (Chirurg) - RC Bad Homburg
•    Sandra Grüning (Ergotherapeutin) – RC Saalburg-Taunus
•    Martin Schmidt (Arzt) – RC Giessen
•    Arne Schirra (Logistiker) – RC Bad Hersfeld 

(ausführliche, zitierbare Statements der Teilnehmer weiter unten)

Team-Leader war Günther Hohmann vom Rotary Club Fulda. Hohmann ist 61 Jahre alt und hat ein Unternehmen für Gebäudetechnik und Erneuerbare Energien in Fulda. „Die Gastfreundschaft, die wir erleben und genießen durften, war unbeschreiblich groß“, sagte Hohmann nach der Rückkehr. Interessant zu erfahren war für ihn, wie Rotary in einem anderen Teil der Welt gelebt wird, und zwar in einem Teil, der sehr starke soziale Unterschiede innerhalb einer Gesellschaft auszuhalten hat. „Überrascht hat mich das aktive Engagement der Rotarier im Distrikt 9350 in den Projekten selbst. Die Projekte werden nicht nur kreiert und angeschoben, sie werden auch permanent begleitet, es wird selbst „Hand angelegt“, und es wird permanent nach weiteren Sponsoren gesucht“, berichtete Hohmann, der seinerseits selbst Hand anlegt: „Wegen eines gemeinsames Matching Grant Projekts mit den Rotary Clubs Kassel, Bad Homburg und Fulda war ich schon mehrfach in Namibia.  Dieses gemeinsame Projekt mit einem Volumen von 60.000,- Dollar unterstützt 25 Aidswaisen im St. Boniface College in Rundu in Nord-Ost Namibia.“

Marion Beckmann:

Frau Beckmann, warum haben Sie am GSE-Programm teilgenommen?

In meiner täglichen Arbeit als Projektmanagerin in einer Werbeagentur habe ich mit Kunden aus internationalen Firmen zu tun. Dabei sind Sprachkenntnisse von großem Vorteil. Daher war sicher einer meiner Gründe, bei einem internationalen Austausch mitzumachen, meine Sprachkenntnisse zu verbessern und zu trainieren. Dabei spielte für mich nicht nur die Sprache an sich eine Rolle, sondern vor allem auch das Meistern der Situation, auf fremde Menschen ohne Scheu vor Sprachbarrieren zuzugehen.

Darüber hinaus reise ich schon immer sehr gerne und es ist mir immer sehr wichtig, Land und Leute kennen zu lernen und ein Land nicht nur durch eine "touristische Brille" zu sehen. Gerade bei einer Unterbringung in Gastfamilien lernt man sehr viel näher die Seh- und  Denkweisen anderer Kulturen kennen und erweitert seinen eigenen Horizont.

Auch das Kennen lernen der Projekte, die Rotary umgesetzt hat, und die Möglichkeit, Firmen oder Berufe in der Praxis kennen zu lernen, waren sehr reizvoll für mich.

Was hat Sie vor allem überrascht?

Die herzliche, offene Art der Menschen und der weit verbreiteten „Hands-on“-Mentalität. Man hilft einfach mit, legt selber Hand an.

Was haben Sie gelernt? Was machen die Menschen in Afrika besser als wir, beruflich, privat, kulturell?

Mich hat die spontane, fast selbstverständliche Hilfsbereitschaft beeindruckt. Es wird oft einfach „angepackt“. Auch Menschen, die selbst kaum etwas haben, versuchen etwas für andere auf die Beine zu stellen.

Eine Frau in den Townships von Somerset West in der Nähe von Kapstadt hat mich sehr beeindruckt. Sie wohnte selbst in einer Wellblechhütte. Nachdem Ihre Tochter an Aids gestorben war, hat sie sich zum Ziel erklärt, etwas zu ändern. Sie legte als eine der wenigen Bewohner im Township einen Garten an und versorgte nach einiger Zeit über 100 andere Menschen täglich mit einer warmen Mahlzeit. Mit der Unterstützung vom örtlichen Pfarrer und Rotary ist daraus nun ein großes, tolles Projekt geworden, bei dem täglich Hunderte Menschen mit frischem Brot und warmen Essen versorgt werden – angebaut im projekteigenen Garten. Darüber hinaus werden dort vor allem Frauen unterstützt – mit Ausbildungsangeboten etwa im Gartenbau, in der Gesundheitsinformation oder als Kindergärtnerin. Wichtig war allen Beteiligten dort vor allem, den Frauen und Kindern die wichtigen Werte im Leben zu vermitteln und den Willen zur Selbsthilfe.
 
Ändert der Besuch das eigene Leben, das eigene berufliche Handeln, die Sicht auf die Welt?

Ja, ich habe gesehen dass man auch mit ganz wenig und auch mit einfachen Mitteln viel Gutes tun kann – man muss nur damit anfangen. Die Projekte und die Menschen, die wir besuchen durften, waren wundervolle Beispiele dafür und bieten viele Anknüpfungspunkte. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, mich mehr zu engagieren.

Grundsätzlich haben mir auch die vielen Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen ein sehr viel breiteres, vielschichtigeres Bild der Herausforderungen in Afrika gegeben, als ich es bisher aus den Medien und Büchern erfahren hatte. Gerade in der Zeit der aktuellen Wahl war es sehr spannend verschiedenste Blickwinkel dazu vermittelt zu bekommen.


Dr. Turan Bicak

Herr Dr. Bicak, warum haben Sie am GSE-Team teilgenommen?

Ich hatte die einmalige Chance, ein Land nicht nur aus touristischer Sicht kennen lernen zu können, berufliche Impulse zu erhalten und mich vielleicht in ein  medizinisches Projekt einzubringen. Schließlich sah ich auch die Chance, Freunde zu gewinnen.

Was hat sie in Afrika am meisten überrascht?

Die authentische Art und Herzlichkeit der Menschen!!

Was haben Sie gelernt? Was machen die Menschen in Afrika besser als wir, beruflich, privat und kulturell?

Sie sind insgesamt entspannter und versuchen Ihre Arbeit einem übergeordneten Ziel unterzuordnen. Sie arbeiten nicht nur für ihre Karriere. Zum Beispiel leitet in Paarl eine Krankenschwester ein Hospiz mit ganzem Herzen und hat nun zudem eine „Outpatient clinic“ zur HIV-Therapie und Betreuung der Kinder und Angehörigen eingerichtet. Die Menschen haben eine entspannte Art, Freundschaften zu pflegen und sind nicht auf Äußerlichkeiten fixiert.
 
Ändert der Besuch das eigene Leben, das eigene berufliche Handeln, die Sicht auf die Welt?

Ja, ich sehe das berufliche nun um einiges ruhiger. Ich bin begeistert von Rotary
International, würde am liebsten gleich mitmachen. Meine Familie ist mir noch wichtiger geworden. Und ich habe Freunde im Team gefunden.


Sandra Grüning:

„Ich habe mich aus Neugier und Interesse an sozialem Engagement und anderen Kulturen an dem Projekt beteiligt. Überrascht war ich vor allem von der Herzlichkeit und der freundlichen Art der Menschen in diesen Ländern Afrikas, aber auch von ihrer Zuversicht trotz ihrer Armut, von ihrer Art, mit Problemen im Allgemeinen umzugehen und von ihrem Umgang mit Krankheiten. Der Besuch in Afrika ändert auf jeden Fall meinen Blick auf das eigene Leben, das eigene berufliche Handeln und meine Sicht auf die Welt. Man betrachtet das eigene Handeln, die Umwelt,  die Familie und die Freunde sowie den Beruf  nun etwas  anders, vielleicht gelassener, aber in einigen Punkten natürlich auch kritischer als zuvor. Man setzt sich  anders mit dem täglichen Handeln und Geschehnissen auseinander.“



Arne Schirra

„Für mich lag der Reiz in dem kennen lernen der verschiedenen afrikanischen Kulturen. GSE ermöglicht den intensiven Kontakt mit Bewohnern des Landes und fördert so verstärkt den interkulturellen Austausch. Wichtig war für mich aber auch der Austausch von berufsspezifischem Wissen mit erfahrenen Personen aus den eigenen oder unterschiedlichen Berufsfeldern. Als Rotaracter wollte ich natürlich auch den rotarischen Gedanken über einen längeren Zeitraum erleben und mit leben. Ich möchte Rotary - Projekte sehen und mich mit sozialkritischen Themenstellungen auseinanderzusetzen.

Überrascht war ich vor allem von der überdurchschnittlichen Hilfsbereitschaft der Menschen, die etwas zu geben haben, und von ihrem ausgeprägten Bewusstsein, Mitmenschen zu helfen. Rotary Mitglieder geben in Afrika nicht  nur Geld, sondern auch die eigene Zeit und Arbeitskraft, um zum Beispiel Lastwagen zu entladen. Überrascht war ich auch von der großen sozialen Ambivalenz des Landes: Die Villa steht neben dem Township.

Ich habe gelernt, gelassener an Dinge heranzugehen. Ich kann und werde mehr helfen – zum Beispiel in Rotaract Projekte. Ich habe erkannt, wie elementar wichtig die Bildung im Leben ist unabhängig vom Ort, an dem wir leben. Aber speziell in Afrika ist Bildung der Schlüssel zum Weg aus der Armut und der Not. Ich habe in Afrika eine große Achtung vor Rotary International und dem rotarischen Gedanken gewonnen.
Während des GSE Exchanges habe ich viel erhalten, wofür ich dankbar bin. Ich möchte dies zu gegebener Zeit als Rotarier wieder zurückgeben.

Ob die Menschen in Afrika etwas besser machen als wir, beruflich, privat, kulturell?
Ich denke man kann nicht von besser oder schlechter sprechen. Beruflich gesehen wirken die Menschen unbefangener und freier. Sie riskieren etwas und akzeptieren Veränderungen eher als wir. Privat sind sie gelassener, hilfsbereit und gesellig. Angenehme Unterhaltungen entwickeln sich leicht und ungezwungen. Kulturell ist der Distrikt  flexibel und vielfältig. Allein Südafrika hat etwa ein Dutzend verschiedener Kulturen.

 Der Besuch verändert mein Leben definitiv. Ich nehme viel mit aus Afrika, allerdings denke ich, dass es noch zu früh nach der Reise ist, um genaue Auswirkungen im Berufsleben zu benennen oder Aussagen darüber zu treffen, wie sich mein Weltbild verändert hat.“
Montag, 18. Mai 2009/BM
Letzte Änderung: 02.06.09/HN2


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